Wie die Kunst plötzlich kreativ wird – haben Corona-Kulturformate Zukunft?

Seit März 2020 werden zahlreiche neue Möglichkeiten ausprobiert, Kunst und Kultur trotz Abstand, Kontaktbeschränkung und Lockdown zu ermöglichen. Manche der Konzepte sind durchaus interessant – aber werden sie als eigenständige Kunstformate auch nach der Pandemie Bestand haben können?

Autorin: Friederieke Butzheinen/ Redaktion: Luisa Berlinicke, Chiara Gröning


Allein betritt der Dirigent die Bühne. Seine Schritte verhallen in der Leere des in Dunkelheit getauchten Saals. Lediglich zwei schwache Lichtkegel erhellen ihm den Weg zum Podium. Und trotzdem hebt er auffordernd die Arme.
160 Musiker*innen tauchen in plötzlicher Illumination aus der Dunkelheit auf. Die ersten, fulminanten Töne des Stückes peitschen durch den Saal: ein Instrumental-Cover des bekannten Metal-Klassikers Fear of the Dark von Iron Maiden, ausgeführt mit einem Symphonie-Orchester.

Doch das ist nicht das Besondere hier. Das Besondere ist, dass der Dirigent trotz der weltweiten Covid19-Pandemie nicht allein auf der Bühne steht. Zugegeben, die meisten der Musizierenden sind nur weitere Kacheln in einem dieser endlosen Online-Meetings. Dafür kommen sie aus der ganzen Welt und haben sich nur zu einem Zweck im virtuellen Konzertsaal zusammengefunden: Um gemeinsam Musik gegen den Corona-Blues zu machen.

Wie das Virus die Kulturszene verändert

Das von Dirigent Ulf Wadenbrandt initiierte Streaming-Konzert stellt nur ein Beispiel für die neuen Formen und Formate dar, die die Kunst seit Beginn der Pandemie anzunehmen gezwungen ist. Nicht nur die wiederkehrenden Lockdowns, sondern auch ganz allgemeine Verhaltensweisen wie Corona-Etiquette, Kontakteinschränkungen und die Furcht vieler Menschen, unter Leute zu gehen, bestimmen den Alltag. Dazu existiert im Kultursektor noch die reale Bedrohung einer Berufsunmöglichkeit.

„Das Coronavirus verändert die Gesellschaft und die Kunstschaffenden“, schreibt die taz in einem ihrer Artikel. Beobachten kann man das exemplarisch an der Musikszene: Während einige Künstler*innen wie Ulf Wadenbrandt auf Streaming-Auftritte setzen, probieren sich andere an stärkerer Fan-Interaktion in Q&A-Chats. Wieder andere verzichten ganz auf Ersatzleistungen, sondern schreiben fleißig an neuen Alben für die Postpandemiephase.

Isolation zwinge zur Konzentration, bestätigte der Kulturhistoriker Bazon Brock in einem Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Und Konzentration dann zur Kunst. Aber wie viele Pandemie-Neuerungen lassen sich wirklich zu neuen Kunstformen erheben?

Mit anderen Worten: Ist das Streaming-Event als Kulturformat zukunftsträchtig? Oder doch nur alles Kompensation, wie Wenke Huske in einem Zeit Online-Beitrag kommentiert. Die Rede ist an dieser Stelle von TikTok-Musicals wie die Inszenierung des Disney-Films Ratatouille: aus einem Online-Hype entstanden und quasi von der Community selbst geschrieben. Oder vom Shanty Wellerman, einem Seemannslied aus dem 19. Jahrhundert, das sein unverhofftes Dasein als Internetphänomen Anfang 2021 begonnen hat.

Alte Ideen, neues Gewandt – und das nicht nur digital

Die Kreativität der Pandemie-Eingeschränkten hört jedoch keinesfalls mit internetbasierten Formaten auf: Vom SHMF-Musikfest-Trecker in Schleswig-Holstein über den Rostocker Montagsbalkon bis hin zu wood-vibrations in Rheinland-Pfalz – alles keine gänzlich neuen Ideen, aber durch die Pandemie zu neuem Leben erwacht.

Solche Ideen existieren in allen Kunst- und Kulturformen: Theatertausch, virtuelle Jump ’n Run-Galerien, individuelle Nahkonzerte, Gesangswanderungen, Flash Mop-Tanzen oder ein Audiospaziergang durch die Altstadt. Einige benutzen die örtlichen Gegebenheiten, wie zum Beispiel die gemeinnützige Theatergenossenschaft Traumschnüff, die ihre Vorstellungen vom Fluss aus darbietet. Andere orientieren sich an bekannten künstlerischen Konzepten, wie der Wiener Kultursalon Guckloch, der eine Peepshow-Vorstellung im Sinne von Duchamps Étant donnés eingerichtet hat.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Man gewinnt den Eindruck, dass die Kulturszene so kreativ ist wie nie zuvor. Dennoch: „Eine Katastrophe allein macht noch keine Kunst“, wie Deutschlandfunk in einem seiner Artikel feststellt. Einige der neuen Möglichkeiten sind vielleicht nur eine Option, weil es in der Pandemie keine bessere Alternative gibt. Manche werden eventuell auf Dauer wegfallen, weil sie eher ein älteres Publikum ansprechen. Oder von internetaffineren Formaten verdrängt werden. Allerdings ist auch hier kaum vorstellbar, dass Streaming-Konzerte Live-Auftritte ersetzen könnten. Höchstens ergänzen.

Praktisch wäre es auf jeden Fall – und barrierefreier: Warum nicht zusätzlich zur Realausstellung eine virtuelle anbieten? Schließlich kann nicht jeder von uns täglich quer durch Europa reisen, um sich Kunst anzusehen. Möglicherweise ist die Pandemie in der Tat der Anschub, den wir als Gesellschaft brauchen, um kulturelle Teilhabe einfacher und multimedialer zu gestalten.

Der Blick auf den Bildschirm wird jedoch nie den Eindruck bieten können, den der Blick auf ein Gemälde bietet – oder die Erfahrung eines Live-Konzerts mit Performance, Show und Bad in der Menge.

Interaktion ist hier das Stichwort und vermutlich auch das Entscheidende: Bringt uns das Format dazu, miteinander ein Erlebnis zu teilen und mit der Kunst in Beziehung zu treten? Ein Musikfest-Trecker hört sich zum Beispiel zwar lohnens- und liebenswert an. Aber es ist einfach nicht dasselbe wie Kontaktkultur. Wandersingen wird sich im direkten Vergleich zum normalen Chorgesang wahrscheinlich auch nicht durchsetzen können. Aber falls unser Hunger an menschlicher Nähe gestillt ist, könnte alles, was Charme hat und einfach umzusetzen ist, durchaus das Potenzial zum Bestand aufzeigen.

Also doch nur alles Kompensation?

Manche sprechen an dieser Stelle gar von dem Anbruch einer neuen Kunstepoche. Denn eines ist klar: Katastrophen wie eine weltweite Pandemie müssen entweder vergessen oder verarbeitet werden. Ob es dann gleich eine ganze „Epoche“ sein muss, ist wiederum eine andere Frage. Deutlich wird jedoch: Aktionen wie Ulf Wadenbrandts Metalcover besitzen einen ganz eigenen, künstlerischen Ausdruck, der exakt auf die Bedürfnisse einer Pandemiegesellschaft zugeschnitten ist. Sein Streaming-Konzert bietet Nähe trotz Distanz, Miteinander trotz Auseinander. Vielleicht wird es später einmal stellvertretend für Kunst in der Coronakrise stehen. Vielleicht wird es aber auch in Vergessenheit geraten.

Was jedoch wahrscheinlich ist: Sollte sich wieder eine ähnliche Situation ergeben, werden andere das Konzept aufgreifen. Um etwas Licht in eine dunkle Zeit zu bringen.

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